Cord-Cutter in Deutschland – Wer verzichtet auf das klassische Kabelfernsehen?

Seit einigen Jahren lässt sich auf dem US-amerikanischen Fernsehmarkt beobachten, dass Nutzer ihren TV-Kabelanschluss kündigen und Bewegtbild in Form von VoD-Angeboten und TV-Live-Streams nur noch über das Internet nutzen. Dieses Phänomen hat unter dem Schlagwort „cord-cutting“ Schlagzeilen gemacht und führt dazu, dass die Kabelfernsehanbieter vermehrt ihre Produkte und Angebote anpassen, um ihre Abonnenten zu halten. Die Trends auf dem US-amerikanischen Bewegtbildmarkt schwappen häufig mit etwas Verzögerung auch auf den deutschen TV-Markt über – Grund genug, dem Phänomen cord-cutting auch hierzulande nachzuspüren.

Live-Fernsehen über das Internet: OTT und IPTV

Internetbasierte Fernsehangebote gibt es auch in Deutschland schon seit einigen Jahren. Dabei muss zwischen managed-IPTV und OTT-basierter Übertragung unterschieden werden. Beim klassischen IPTV wird ein spezifischer Teil der Bandbreite im Netz für die Übertragung des Fernsehsignals sichergestellt und der Kunde benötigt eine herstellerspezifische Set-Top-Box. Die Signalübermittlung erfolgt bei IPTV also ähnlich wie im digitalen Kabelnetz. Bei der OTT-basierten Übertragung wird das TV-Signal hingegen über das offene Internet nach dem dort geltenden „best-effort-Prinzip“ transportiert, d. h. die Übertragung erfolgt geräteunabhängig und es gibt keine zugesicherte Mindestbandbreite. Die Signalübertragung steht bei der OTT-Übertragung damit in Konkurrenz zu anderen Datenströmen und die Qualität kann ggf. unter Kapazitätsengpässen leiden.

Status Quo: IPTV und OTT-Nutzung in Deutschland

Die Bedeutung internetbasierter Fernsehübertragung nahm in Deutschland in den letzten Jahren zu. (Managed) IPTV versorgt bisher zwar nur einen Bruchteil der TV-Haushalte mit Fernsehsignalen, allerdings hat die Anzahl der Haushalte mit IPTV-Anschluss laut Digitalisierungsbericht 2018 in den letzten fünf Jahren von 5 auf 8 Prozent der Fernsehhaushalte zugelegt. Dominiert wird der IPTV-Markt dabei deutlich von der Deutschen Telekom mit ihrem Produkt Entertain-TV. Weitere relevante Anbieter von (managed) IPTV sind Vodafone und 1&1. Im Bereich Live-TV-Streamings über OTT sind einerseits Plattformen wie Zattoo oder Waipu.tv schon seit mehreren Jahren im deutschen Markt tätig. Die Anbieter bündeln Live-Signale der TV-Anbieter in einer App und/oder einem Web-Angebot zu einem Programmangebot und verbreiten dieses über das offene Internet. Zugleich bieten auch Fernsehsender Livestreams ihres Programms in Apps, Mediatheken oder auf ihren Websites an. Die Nutzung von Live-TV via OTT hält sich bisher allerdings in Grenzen. Laut Digitalisierungsbericht 2018 gibt etwas mehr als ein Drittel der Deutschen an, schon einmal Video-Livestreaming im Internet genutzt zu haben, etwas mehr als ein Fünftel nutzt die Angebote regelmäßig (also mindestens einmal im Monat). Im Trend zeigt sich jedoch, dass die Entwicklung in den letzten Jahren eher stagniert.

Entlinearisierung als Trend

Für viele Nutzer geht es bei der OTT-Nutzung aber gar nicht um die „Echtzeitnutzung“. Wichtiger ist der Trend hin zum vermehrten Abruf von Video-on-Demand (VoD). Der Digitalisierungsbericht und auch zahlreiche andere Studien zeigen den Trend deutlich: Die Zuschauer gehen vermehrt dazu über, ihre Bewegtbildnutzung zu entlinearisieren, d. h. sie rufen vermehrt Videoinhalte über das Internet ab und nutzen sie zeit- und ortsunabhängig. Insbesondere bei den jüngeren Zuschauern ist diese Entwicklung massiv. In der Altersgruppe der unter 30-Jährigen geben nur noch 29 % der Personen an, überwiegend das lineare Programm zu nutzen, erst ab 40+ Jahren dominiert die lineare Nutzung wieder den Bewegtbildkonsum. Das führt dazu, dass der „Bezug“ von Video-Content zunehmend in Richtung Internet verlagert wird. Im Vergleich verbringt bereits ein Drittel der Nutzer mehr Zeit mit Video Content aus dem Internet gegenüber der klassischen TV- oder Videonutzung. Bei den Jüngsten ist das bereits bei drei Viertel der Fall (vgl. Abb. 1).
 

Abbildung 1: Bezugsquelle Video Content nach Alter. Quelle: Die Medienanstalten, Digitalisierungsbericht 2018.

Abbildung 2: Nutzung klassisches TV und OTT am TV im Trend. Quelle: Die Medienanstalten, Digitalisierungsbericht 2018.

Dies gilt allerdings vor allem unter Betrachtung aller Geräte, mit denen Video konsumiert wird, d. h. hier wird auch die Nutzung auf dem Handy oder Tablet, am Laptop oder an anderen Bildschirmgeräten wie z. B. dem PC berücksichtigt. Betrachtet man nur den TV-Bildschirm bleibt der lineare TV-Konsum dominant, im Trend lässt sich aber ebenfalls eine Verschiebung zur vermehrten OTT- und insbesondere VOD-Nutzung feststellen (vgl. Abb. 2).

Mit Blick auf die Inhalte bedeutet das nun nicht automatisch, dass die Zuschauer sich vollständig von den TV-Inhalten abwenden und nur noch Netflix- oder Amazon Prime-Serien konsumieren. Vielmehr nutzen sie weiterhin auch den Content der Fernsehsender, entweder direkt über die Mediatheken oder über Videoportale wie Youtube.

Erste Cord-Cutter gesichtet

Der zunehmende Trend hin zur OTT-Nutzung am TV-Gerät legt die Frage nahe, ob auch hierzulande Fernsehnutzer vermehrt dazu übergehen, die „traditionellen“ TV-Übertragungswege zu umgehen. Daher wurden im Digitalisierungsbericht 2018 erstmals auch Haushalte erfasst, die angeben, einen Fernseher zu besitzen, aber über keinen der „klassischen“ Empfangswege lineares Fernsehen zu schauen. In Deutschland konnten so die ersten Cord-Cutter identifiziert werden. Ihre Zahl bleibt mit einem halben Prozent der Fernsehhaushalte bisher vergleichsweise klein und die geringen Fallzahlen lassen auch keine differenzierte statistische Auswertung dieser Sondergruppe zu.

Jeder achte TV-Haushalt kann sich vorstellen, auf OTT-only umzusteigen

Um dem Trend jedoch etwas genauer nachspüren zu können wurden auch „potentielle Cord-Cutter“ identifiziert. Diejenigen, die mindestens einmal im Monat OTT-Angebote am Fernseher nutzen, wurden gefragt, ob sie sich prinzipiell vorstellen können, an ihrem Fernseher nur noch über das Internet fernzusehen und auf ihren „traditionellen“ Anbieter zu verzichten. Unter denjenigen, die bereits OTT-Inhalte über ihren Smart- oder Connected-TV nutzen (knapp 29 % der Bevölkerung), bejaht mehr als ein Drittel diese Frage. Übertragen auf alle TV-Haushalte können sich die Nutzer in jedem achten Fernsehhaushalt (11,7 %) ein solches Szenario vorstellen.

 

Wer sind nun diese potentiellen Cord-Cutter? Erwartungsgemäß sind es vor allem jüngere Fernsehnutzer, die ein solches Szenario für denkbar halten. Der potentielle Cord-Cutter ist etwa 33 Jahre alt, formal etwas höher gebildet als der durchschnittliche Fernsehzuschauer und verfügt über ein Haushaltseinkommen von gut 3200 € Netto. Mehr als die Hälfte (51,4 %) der potentiellen Cord-Cutter gibt an, in einer Metropolregion mit mehr als 500 Tsd. Einwohnern zu leben, ein weiteres Fünftel lebt in einer Region mit 100-500 Tsd. Einwohnern.

Der Umstieg auf einen rein OTT-basierten TV Empfang wird vor allem von Nutzern in Betracht gezogen, die in IPTV-Haushalten leben. 16 % der IPTV-Haushalte geben an, cord-cutting in Betracht zu ziehen, beim Kabel sind es 13,6 %, gefolgt von DVB-T mit 11,2 %. Am geringsten ist das Interesse in Haushalten mit Satellitenempfang (8,9 %). Haushalte, die sich einen Umstieg auf OTT-only-Empfang vorstellen können, sind erwartungsgemäß technikaffin. Die Ausstattung mit Fernsehgeräten liegt bei durchschnittlich 1,4 Fernsehgeräten im Haushalt und bleibt damit leicht unterdurchschnittlich. Bei den Fernsehern handelt es sich eher um Modelle, die dem aktuellen Stand der Technik entsprechen: In 71 % der identifizierten Haushalte steht mindestens ein Smart-TV, 92 % der geben an, mindestens einen HD-fähigen Fernseher zu besitzen und mehr als ein Viertel (27 %) verfügt über mindestens einen UHD-Fernseher. Die hohe Technikaffinität zeigt sich auch in der Ausstattung mit anderen Geräten wie Tablets, Smartphones, digitale Sprachassistenten etc.

Den Fernseher über das Internet verbunden zu haben ist selbstverständlich Voraussetzung, um Cord-Cutter zu werden. Mehr als zwei Drittel (66,6 %) der potentiellen Cord-Cutter nutzen einen mit dem Internet verbundenen Smart-TV, etwas mehr als ein Viertel (27,1 %) verbindet den Fernseher über ein Peripheriegerät mit dem Internet, wiederum 6,3 % nutzen ihren Laptop, PC, Tablet oder ihr Smartphone, um Inhalte aus dem Internet auf ihren Fernseher zu bringen.

Die Zahlen machen es deutlich: Es gibt ein gewisses Potential für Cord-Cutting, auch in Deutschland. Bisher scheint es sich dabei jedoch vor allem um eine recht technikaffine, überwiegend in Ballungsraumgebieten angesiedelte Gruppe zu handeln. Dass das Phänomen ein ähnliches Ausmaß wie in den USA annimmt bleibt allerdings fraglich. Dagegen sprechen sowohl die vergleichsweise moderaten Preise für den Fernsehempfang als auch die besondere Stellung des Kabelfernsehen-Gestattungsmarktes in Deutschland, auf dem ein beachtlicher Teil der Endkunden ihren Netzbetreiber nicht frei wählen kann.

Dennoch: technische Disruption kommt häufig unerwartet – dass der Trend in Richtung zumindest ergänzenden Bewegtbildkonsum im Internet und insbesondere VoD geht ist unumstritten. Tatsächlich verschärft sich der Kampf um die Zuschauer im OTT-Markt in den letzten Monaten. Auf Seiten der Fernsehsender werden neue Allianzen und Mediatheken-Angebote geschmiedet. Zugleich bauen Plattformanbieter ihr OTT-Angebot weiter aus. Dabei scheint sich der Markt auch auf eine vermehrte Nachfrage nach Live-Fernsehen über das offene Internet einzustellen. In den letzten Monaten haben sowohl IPTV als auch Kabelanbieter damit begonnen, ihre Produkte zusätzlich im OTT-only-Bereich zu vermarkten und positionieren sich damit in direkter Konkurrenz zu TV-Streamingplattformen wie Zattoo und waipu.tv. Ob und wie sich das veränderte Angebot auch in der Nutzung spiegelt, werden die Ergebnisse des nächsten Digitalisierungsberichts Video 2019 zeigen. Wir sind gespannt.

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