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KEK-Pressemitteilung 11/2015; KEK-Symposium

KEK-Symposium: Experten diskutieren Zukunft der Mediennutzung und des Medienkonzentrationsrechts

Wie entwickelt sich die Mediennutzung? Welche Medien sind für unsere Meinungsbildung relevant? Welche Auswirkungen hat die Konvergenz der Medien auf die Meinungsvielfalt und wie müsste ein zukunftsfähiges Medienkonzentrationsrecht gestaltet sein? Diese Fragen diskutierten auf Einladung der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) am 27.10.2015 in Berlin die Teilnehmer des Symposiums „Meinungsbildung und Meinungsvielfalt in Zeiten der Konvergenz“ mit Experten der Kommunikations- und Rechtswissenschaften. Der Vorsitzende der KEK, Prof. Dr. Ralf Müller-Terpitz, eröffnete die Veranstaltung und verband dies mit der Erwartung, Anregungen für Reformüberlegungen zu gewinnen, die in die aktuelle politische Diskussion über die erforderliche Reform des Medienkonzentrationsrechts eingebracht werden können.

Wie digitale Medien auf das Gehirn wirken
Als „Mind-Opener“ im buchstäblichen Sinne gab zunächst der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Michael Madeja (Goethe-Universität und Hertie-Stiftung Frankfurt) einen Einblick in die Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Die Nutzung digitaler Medien führe zu Veränderungen der Hirnstruktur im Sinne einer Anpassung und Optimierung an die gestellten Anforderungen. Dies unterscheide sich nicht grundsätzlich von der Reaktion auf „reale“ bzw. „analoge“ Situationen. Besonders effizient sei das Gehirn in der Wahrnehmung von Bewegungen, was den Bogen schlug zur besonderen Rolle des bewegten Bildes im Rahmen von Medienangeboten.

Vom Zuschauer zum User: Entwicklung der Mediennutzung
Der Entwicklung der Mediennutzung und den Herausforderungen für die Messsysteme widmete sich der erste Themenblock der Veranstaltung. Für die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) informierte Anke Weber (Leiterin der Geschäftsstelle der AGF) über den aktuellen Stand des neuen „Mega-Panels“, welches die AGF derzeit aufbaut. In mehreren Schritten werde das bestehende TV-Panel, das auch weiterhin den Kern des Forschungsansatzes bilde, zum Bewegtbild-Panel ausgebaut. Im ersten Quartal 2016 würden die ersten fusionierten TV- und Streamingdaten aus dem Online-Panel vorliegen. Parallel dazu werde ein Panel für die mobile Messung, also für die Erfassung der Nutzung über Smartphone oder Tablet, aufgebaut. Frau Weber betonte, Ziel der AGF sei die Schaffung eines Marktstandards für die Bewegtbildmessung über alle Plattformen hinweg, also unabhängig vom Nutzungszeitpunkt, Nutzungsort, Verbreitungsweg und Endgerät. Maßgeblich seien der Content sowie die aktive Auswahl durch den Nutzer. Allerdings könne nicht mit „Bewegtbildquoten“, ähnlich der TV-Quoten, gerechnet werden, da es nicht möglich sei, den Gesamtwert der Onlinenutzung zu messen. Stattdessen würden audiovisuelle Reichweiten für TV- und Online‐Video ausgewiesen.

Mit Trends und Entwicklungen der Online-Videoindustrie beschäftigt sich der Kommunikations- und Medienwissenschaftler Bertram Gugel (gugel-productions). Er sieht die aktuelle Entwicklung im Netz nicht weit von dem entfernt, was bereits aus dem Fernsehen bekannt sei: Um die Aufmerksamkeit der Nutzer zu erregen, sie zu unterhalten und zu binden, benötige man Bewegtbild. Die Plattformbetreiber hätten folglich ihren Fokus verlagert und stellten Videos in das Zentrum ihres Angebots. Im Wettbewerb der Plattformen seien exklusive Inhalte entscheidend. Plattformbetreiber betätigten sich zunehmend auf allen Stufen der Verwertungskette von der Produktion bis zur Distribution. Durch konstante Optimierungen, massive Präsenz auf den Benutzeroberflächen und direkte Nutzeransprache sollen die Nutzer auf der Plattform gehalten werden. Gugel geht davon aus, dass das „Relevant Set“ der Zukunft im Netz aus maximal drei Plattformen bestehen werde, die hohe Marktanteile auf sich vereinigen. TV-Veranstalter müssten für sich eine neue Rolle definieren. „Wenn sich die alte und die neue Welt streiten, gewinnen die Plattformen“, so Gugel.

Vielfaltsicherung in der konvergenten Welt
Die aus Konvergenz der Medien und Nutzungswandel folgende Notwendigkeit einer Neugestaltung des Medienkonzentrationsrechts bildete den zweiten Themenblock. Prof. Dr. Christoph Neuberger (Ludwig-Maximilians-Universität München) beleuchtete die Relevanz der Medien für die Meinungsbildung aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht. Die Anwendung der bisher für die Einschätzung des Wirkungspotenzials einzelner Mediengattungen verwendeten Indikatoren (Suggestivkraft, Aktualität, Breitenwirkung, Linearität) bereiteten in Bezug auf Internetangebote Schwierigkeiten. Dort gebe es eine Vielzahl an Bewegtbildangeboten und Kontexten, in denen sie angeboten werden. Ein Verzicht auf das Kriterium der Linearität liege nahe. Die Zuschreibung von Meinungsbildungsrelevanz zu einzelnen Mediengattungen werde durch die Heterogenität der Angebote erschwert. Auch die Zuschreibung zu einzelnen Anbietern bzw. Angeboten könne z. B. durch kooperative Effekte in sozialen Medien fraglich werden. Neuberger regt an, bei der Bewertung stärker die Rolle von Anbietern und Angeboten in der öffentlichen Kommunikation zu berücksichtigen und auch die Glaubwürdigkeit als entscheidenden Wirkungsfaktor einzubeziehen.

Prof. Dr. Mark D. Cole (Universität Luxemburg) referierte über die Notwendigkeit und Gestalt eines zukunftsfähigen Medienkonzentrationsrechts. Er stellte zunächst klar, dass Vielfaltsicherung und Konzentrationskontrolle aus Art. 5 GG abgeleitete verfassungsrechtliche Gebote seien. Vor dem Hintergrund neuer Medienphänomene im Onlinebereich und einer sich abzeichnenden Veränderung der Mediennutzung bestehe Handlungsbedarf, um eine effektive Vielfaltsicherung auch in Zukunft zu gewährleisten. Cole hält im Hinblick auf ein zukunftssicheres Medienkonzentrationsrecht das Beibehalten einer Fernsehzentrierung für zu eng gefasst. Im Rahmen eines weitreichenden Ansatzes müsse vielmehr auf den jeweiligen Beitrag eines spezifischen Angebots zum Gesamtmeinungsmarkt abgestellt werden. Das Meinungsbildungsgewicht müsse dabei anhand von im Einzelnen noch zu entwickelnden Kriterien beurteilt werden. Auf eine Vergleichbarkeit mit klassischen Medien solle es hierbei jedoch nicht ankommen. Eine realistische Bestandsaufnahme lasse aber erwarten, dass der Gesetzgeber statt eines „großen Wurfs“ eher das bestehende Konzentrationsrecht anpassen und weiterentwickeln werde. Dies sei in einem fernsehbasierten Modell über die stärkere Berücksichtigung der so genannten medienrelevanten verwandten Märkte denkbar. Dabei sollte ambitioniert vorgegangen und z. B. auch Mediaagenturen berücksichtigt werden.

Mögliche Instrumente der positiven Vielfaltsicherung in einer konvergenten Medienwelt standen im Fokus des Beitrags der Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Birgit Stark (Johannes-Gutenberg-Universität Mainz). Vielfaltsicherung könne sich nicht in der Verhinderung vorherrschender Meinungsmacht („negative“ Vielfaltsicherung) erschöpfen. Es bestehe darüber hinaus der verfassungsrechtliche Auftrag an den Gesetzgeber, auf eine Stärkung der Meinungsvielfalt hinzuwirken. Die bestehenden, für die analoge Welt entwickelten Instrumentarien wie Regional- und Drittfensterprogramme oder Must-Carry-Regelungen werden den neuen konvergenzbedingten Anforderungen an die Vielfaltsicherung nicht gerecht. Gleichwohl bestehe die Notwendigkeit der positiven Vielfaltsicherung fort. Dass es im Internet mehr Meinungen gebe, bedeute nicht, dass die Meinungen auch gleich zugänglich sind. Die positive Vielfaltsicherung müsse den Fokus auf die Nutzerperspektive legen. Als mögliche Lösungsansätze benannte Stark Maßnahmen im Bereich der Förderung der Medienkompetenz der Nutzer, der Suchmaschinenregulierung, der Auffindbarkeits- und Empfehlungssysteme sowie der Journalismusförderung und des Qualitätsmonitorings.

Müller-Terpitz dankte den Teilnehmern für die vielen Impulse für die weitere Diskussion.

Die Rede- und Diskussionsbeiträge des Symposiums sind in Kürze auf der KEK-Website sowie auf der Website der Medienanstalten abrufbar.

 

PDF der Pressemeldung

 

Kontakt bei Medien-Rückfragen

Prof. Dr. Ralf Müller-Terpitz
Vorsitzender der KEK

Bernd Malzanini
Bereichsleiter Medienkonzentration
 

Telefon: +49 (0)30 2064690-61
Mail:      kek@die-medienanstalten.de
www.kek-online.de www.die-medienanstalten.de  
Twitter: @medienanstalten

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